Artenschutz-Tour des Regierungspräsidenten Carsten Gabbert nach Ettenheim
Bildquelle: Berthold Obergföll
Der Schutz bedrohter Tier- und Pflanzenarten in der Region stand im Fokus einer Tour von Regierungspräsident Carsten Gabbert im Ortenaukreis. Zusammen mit Naturschutz-Fachleuten hat er zwei Standorte in Ettenheim besucht. Zum Auftakt die Wochenstube der Fledermausart Großes Mausohr auf dem ehemaligen Stölcker-Areal, anschließend führte die Tour in das Naturschutzgebiet Saure Matten. Die Tour erfolgte im Rahmen des landesweiten Artenschutzprogramms an drei Standorten im Ortenaukreis.
Carsten Gabbert ist sich bewusst, dass im Regierungsbezirk Freiburg enormer Druck auf die Regionalplaner bestehe, gelte es doch, den wirtschaftlichen Wohlstand in der Region ebenso zu erhalten und zu fördern wie auch die Artenvielfalt: „Wenn die Arten weg sind“, so seine Einschätzung, „dann sind sie unwiderbringlich weg!“ Deshalb sei er für die Arbeit der Fachbehörden und auch für das Engagement von ehrenamtlich Tätigen in Vereinen und Verbänden gegen den Rückgang der Arten sehr dankbar. Mit deren Sachverstand könne man dramatische Folgen verhindern, Naturschutz aber wolle die wirtschaftliche Entwicklung nicht verhindern. Er setzt auf die Akzeptanz in der Bevölkerung. Bürgermeister Bruno Metz nannte Beispiele, wie auf dem Gebiet der Stadt Ettenheim bereits seit 30 Jahren Stadtentwicklung und Naturschutz in Einklang gebracht werden könne, der Hochwasserschutz, Fernwärme und die Fledermauskolonie auf dem Gelände der ehemaligen Holzindustrie Bombenstabil seien „gelungene Projekte.“ Edmund Hensle, seit 40 Jahren für den Erhalt von Fledermäusen aktiv, kommentierte die Live-Bilder aus der Wochenstube des Großen Mausohrs im ehemaligen Stölckerschen Heizkeller. Tief bücken war am Eingang für die Besucher angesagt, und vorher auch noch einmal tief einatmen. Eine enorme Wärme herrscht hier augenblicklich, 420 weibliche Tiere mit ihren Jungtieren hängen tagsüber kopfüber in Gruppen an der Decke. Eine Lichtschranke am niederen Eingang erlaubt das Zählen der Tiere. Ihr Jagdrevier erstrecke sich bis nach Welschensteinach, nach Neuried und bis ins Elsass. Das wisse man aufgrund des Monitoring, bei dem einige Tiere für wenige Tage mit Sendern ausgestattet werden. „Bis zu 200 Kilometer legen die Tiere dabei zurück“, so Edmund Hensle. Es gebe Daten für die zurückliegenden 40 Jahre, die auch in bundesweiten Studien eingingen. Hensle zeigte sich aus der Sicht des Fledermausschutzes sehr dankbar für die unkomplizierte und pragmatische Zusammenarbeit mit dem Regierungspräsidium. Vera Leinert, im Referat 56 des RP für Naturschutz und Landschaftspflege verantwortlich, verdeutlichte die Notwendigkeit von Verbundstrukturen der Wochenstuben mit den Jagdhabitaten der Fledermäuse, einige Gemeinden unterstützen die Fachbehörden des RP bereits, indem sie die Lichtverschmutzung durch nächtliche Beleuchtung reduzierten und auf monochromatische Beleuchtung setzen. Kirchen seien bevorzugte Lebensräume der Fledermäuse und auch alte Gebäude. Mehr als 60 Standorte werden von Personen im Regierungsbezirk betreut.
Spannende Informationen erhielten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen an der Tour auch im Naturschutzgebiet Saure Matten, zwischen den östlichen Rieggerschen Fischteichen und Wallburg gelegen. Die Fläche hier sei „ein Schätzchen im Artenschutzprogramm“, so Susanne Hund vom Naturschutzreferat des RP. Die Natur sehe hier so aus wie vor vielen Jahrzehnten. Über 80 Schmetterlingsarten seien hier beheimatet, hier fänden sie Magerwiesen, Moorstandorte und Brachen, Voraussetzung für den Wiesenknopf-Ameisenbläuling, den Hochmoorgelbling und für Amphibien und Libellen. Das gelinge aber nur in Zusammenarbeit mit den Landwirten und Grundstückseignern, weil die Mahd angepasst werden müsse und der Landwirt Unterstützung bekomme. „Ohne sachgerechte Pflege läge diese Fläche brach,“ so Susanne Hund. Eine kleine Wanderung war mit Sandra Jentsch angesagt, die den Lebensraum für Amphibien entlang des Naturlehrpfades Filmersbach vorstellte. Hier gibt es Lebensraum für Pflanzen und Tiere, für das Springkraut, für den Götterbaum, wenngleich eine invasive Art. Teichfrösche und Erdkröten leben hier, Ackerkröten, Rotmilane und sogar drei weibliche Knoblauchkröten. Ihr nach Knoblauch riechendes Sekret halte Fressfeinde bei Gefahr ab, und auch die Geburtshelferkröte lebe hier. Sie sind streng geschützte Arten. Amphibien seien grundsätzlich wichtige Indikatoren dafür, dass die Umwelt hier intakt sei und beispielsweise keine Herbizide eingetragen würden. Artenschutz sei Herzenssache, er könne nur erfolgreich sein, wenn die Menschen dafür brennen, betonte Susanne Hund. Artenschutz fängt vor der Haustüre an, so die Fachleute des RP Freiburg insgesamt. Nach einer kleinen Stärkung führte die Artenschutz-Tour in das NSG Unterwassermatten bei Schutterwald, dem Lebensraum für Wiesenbrüter wie dem Kiebitz oder dem Großen Brachvogel auf einer Wasserbüffelweide. Dieses Gebiet umfasst 371 Hektar und eines der letzten großen zusammenhängenden Wiesenlandschaften in der Oberrheinebene. Das Regierungspräsidium hat in den vergangenen fünf Jahren acht neue Naturschutzgebiete ausgewiesen. Zusätzlich zu den Artenschutzprogrammen gibt die Landesregierung dieses Jahr sieben Millionen Euro für eine Artenschutzoffensive aus. Jede und jeder Einzelne könne einen Beitrag leisten, um das Artensterben aufzuhalten, durch die Anlage eines vogel- und insektenfreundlichen Gartens oder durch Rücksichtnahme auf Fledermäuse und brütende Vögel bei der Sanierung von Gebäuden, wie auf der Tour von allen Verantwortlichen wiederholt gesagt wurde.