Ein 60-jähriger Stepptänzer verliert die erhoffte Stelle als Choreograf - ausgerechnet an seine Tochter Emma. Diese Kränkung zwingt ihn, sich mit dem Älterwerden, seiner Beziehung zu seiner Tochter und mit einem ungelösten Konflikt um eine verschwundene Jugendliebe auseinanderzusetzen.
Schon wieder das Genre des alternden Mannes, der nicht wahrhaben will, dass er eben nicht mehr der Jüngste ist, der im Selbstmitleid zerfließt und der seinen verpassten Möglichkeiten hinterher jammert… das machte mich zu Beginn richtig wütend.
Aber Arenz Sprache ist einfach so herrlich schlicht wie wirkungsvoll und die Einblicke in die Theaterwelt und die Beschreibungen des Stepptanzes sind lebendig und anschaulich. Und nicht zuletzt sind es auch die facettenreich gezeichneten Charaktere von Katja und Emma, die die Geschichte tragen. Am Ende ein leises und melancholisches Buch, das mich gerührt und mit eigenen Gedanken zurückgelassen hat.
Katrin Zipse "Moosland", Dumont Verlag 2026 (Heike Labusga, Oktober 2026)
Als Elsa im Sommer 1949 in Island ankommt, ist sie eine von vielen. Knapp dreihundert junge Frauen aus Deutschland sind dem Aufruf der isländischen Bauernpartei gefolgt, um dort ein Jahr auf Höfen zu arbeiten. Die Bauern hoffen auf Arbeitskräfte sowie Heiratskandidatinnen, nachdem viele Isländerinnen in die Städte abgewandert sind. Sprachkenntnisse können die Frauen nicht vorweisen, aber oft haben sie nichts zu verlieren.
Eine historische und in Vergessenheit geratene Begebenheit ist die authentische Grundlage für dieses spannende Gesellschaftsporträt. Die Protagonistin Elsa steht beispielhaft für die deutschen Gastarbeiterinnen, die kein Wort Isländisch sprechen und denen das karge Leben der Bauernfamilien bei rauen subarktischen Bedingungen in den einsamen Vulkanlandschaften vollkommen fremd ist. Katrin Zipse fängt die imposante und ursprüngliche Natur Islands bildgewaltig ein.
Berührend die Annäherung von Elsa, die traumatisiert vom Krieg, in Deutschland Trümmer und Hoffnungslosigkeit zurücklässt und der traditionellen Bauersfamilie mit den beiden Söhnen in der Einsamkeit Islands. Ein eigentlich zeitloses Thema über Menschen, die ihr Leben und ihre Vergangenheit hinter sich lassen und sich in einer fremden Kultur einleben müssen.
Lucy Steeds "The Artist - Die Farben des Lichts, dtv Verlag 2026 (Heike Labusga, Oktober 2026)
Provence, um 1920. Venez. Kommen Sie.Mehr steht nicht in dem Brief. Und doch sieht sich Joseph Adelaide am Ziel seiner Träume: Er, ein noch völlig unbekannter Journalist, darf den weltberühmten Maler Édouard Tartuffe interviewen, der sich seit Jahren der Öffentlichkeit entzieht. In dem abgelegenen Landhaus in der französischen Provinz erwartet Joseph dann allerdings eine Überraschung. Nur wenn er Tartuffe Modell sitzt, darf er über ihn schreiben.
In der flirrenden Sommerhitze erkennt Joseph bald, dass das größte Rätsel jedoch nicht der »Meister des Lichts« ist, sondern Tartuffes Nichte. Ettie kocht, putzt, wäscht Pinsel und erträgt Tartuffes Launen mit unergründlicher Hingabe. Doch etwas brodelt in ihr. Joseph fühlt sich immer mehr zu ihr hingezogen. Und langsam, Schicht für Schicht wie in einem Gemälde, kommt ihr Geheimnis ans Licht…
Der Roman ist durchdrungen von dem Licht eines Sommers in der Provence, dem Essen, den Gerüchen und natürlich der Kunst. Zu Beginn scheint der Maler Tratuffe im Mittelpunkt zu stehen, aber mehr und mehr tritt seine Nichte Ettie in dem Vordergrund. Neben der unterschwelligen Spannung wie sich die Geschichte des herrischen Malers, des tragischen Josephs und der nach Identität suchenden Ettie entwickelt, geht es auch um ein gesellschaftliches Thema der Kunst: Die Rolle der Frauen in der Kunstwelt, die aufgrund der gesellschaftlichen Strukturen nie dieselben Chancen wie ihre männlichen Kollegen erhielten. Ein perfekter Sommerroman, der auch im Winter ein Pageturner ist.
Thorsten Woywood "Mathilde und Marie", dtv Verlag 2026 (Heike Labusga, September 2026)
In Redu, einem kleinen Bücherdorf inmitten der belgischen Ardennen, wird die Zeit als Freund und nicht als Gegner empfunden: Umgeben von ausgedehnten Wäldern, rauschenden Flüssen und steilen Anhöhen gibt es hier lediglich einen Fernseher, während das Internet nur eine Stunde am Tag verfügbar ist. Dass der Kirchturm windschief in den Himmel ragt und man sein baldiges Herabstürzen befürchten muss, stört die 390 Einwohner ebenso wenig wie die gehörig aus dem Takt geratene Turmuhr.
Als die junge Französin Marie kurzentschlossen ihr Leben in Paris hinter sich lässt und zu einer Reise mit unbekanntem Ziel aufbricht, ahnt sie nicht, dass sie bald an diesem bemerkenswerten Ort ankommen wird. Im Zug begegnet sie Jónína, einer Isländerin, die Menschen mit ungewöhnlicher Klarheit zu lesen vermag und somit auch Maries Situation schnell erfasst. Sie nimmt Marie mit zu sich nach Hause, nach Redu, wo sie eine kleine Buchhandlung betreibt… (Verlagsangabe)
Ein entschleunigendes Wohlfühlbuch mit einem kleinen Spritzer Kitsch, dazu gelungene Naturpassagen. Dies ist keine Rezension😊 – einfach nur eine kleine Empfehlung einer warmherzigen Geschichte für einen sonnigen Urlaubstag oder einen verregneten Sonntag – einfach so zum Entspannen.
Zoran Drvenkar "Asa" Suhrkamp Verlag 2025 (Heike Labusga, August 2026)
Jeder Jäger sollte damit rechnen, dass sich die Beute gegen ihn wendet. Sechs Jahre konnten sie sie wegsperren. Sechs Jahre konnten sie nachts ruhiger schlafen. Sechs Jahre mussten sie nicht nervös über ihre Schultern blicken. Aber nun ist die Zeit der Rache gekommen. Asa macht sich auf den Weg, um eine Tradition zu zerstören, die das Leben einer Gemeinschaft seit hundert Jahren beherrscht und zum Tod unzähliger Unschuldiger geführt hat. Bei ihrem Kampf findet Asa loyale Verbündete, erfährt niederträchtigen Verrat, trifft auf mächtige Gegner und stellt sich schließlich ihrem größten Feind - ihrer eigenen Familie.
Diese düstere Familiensaga hat mich gepackt und erschaudern lassen. Ein Krimi im Stile der Hunger Games, deutsche Geschichte des 20. Und 21. Jahrhunderts, dazu Fanatismus und Faschismus, die durch die Erfahrungen von Krieg und Vertreibung in dem Willen überlebensfähige Nachkommen zu ziehen, münden.
Aber darf der Stärkere sich wirklich über alle Moral und Ethik hinwegsetzen? Kann der Stärker nicht auch Unrecht haben. Wenn man nicht frühere Fehler wiederholen will, muss man alte Ideologien über Bord werfen. Immer wiederkehrende Fragen, die heute aktueller sind denn je.
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