Kardinal Rohan

1790-1803: Louis René Edouard, Prince de Rohan-Guémené, und Ettenheim - Schicksal einer ungleichen Beziehung. Text von Dr. Jörg Sieger

Rohan Gemälde

Wie mag es ausgesehen haben, das Zimmer im 2. Stock des Ettenheimer Amtshauses, umgebaut zur bischöflichen Residenz? Wieviele Kerzen mögen an jenem Abend des 16. Februars 1803 angezündet gewesen sein? Keine Festbeleuchtung?

Keine rauschende Gesellschaft? Wo waren Hofklatsch, Galanterie, Uniformen, Abendkleider, mit denen sich der Kardinal so oft zu umgeben gepflegt hatte? Husten durchbricht die Stille! Die Luft im Krankenzimmer ist zum Schneiden. Ein Frösteln geht durch die Anwesenden. Wieviele mögen es gewesen sein? Nachts um 11 Uhr ...

Glanzvolle Karriere

An diesem Abend endete in Ettenheim das Leben, des Kardinals Louis René Edouard, Prince de Rohan-Guémené, in aller Stille, weitab der großen Politik. Dabei hatte es am 25. September 1734 unter ganz anderen Vorzeichen begonnen. Als Spross eines der ältesten und vornehmsten französischen Adelsgeschlechter war für den jungen Louis René natürlich nur eine höhere Laufbahn in Frage gekommen: Studien im Collegium du Plessis, Seminar von St. Magloire, Priesterweihe.

1756 erhielt der 21-jährige die Abtei Chaise-Dieu in der Auvergne, im gleichen Jahr wurde sein Onkel zum Fürstbischof von Straßburg gewählt. Der sechzigjährige Bischof begehrte bereits 2 Jahre nach seiner Amtseinführung einen Koadjutor und erhielt denselben am 22. November 1759 in der Person seines 25-jährigen Neffen. Dessen Aufstieg war damit noch lange nicht zu Ende. 
Nach seiner Weihe als Bischof von Canopolis erhielt er im Jahre 1761 die Abtei Mont-Majour, wurde am 11. Juni Mitglied der frz. Akademie und empfing in Straßburg am 7. Mai 1770 zusammen mit seinem Onkel den Brautzug der Marie Antoinette.

Rohan vertrat Frankreich vom 6. Januar 1772 an als Botschafter am Wiener Hof, erhielt - nach seiner Abberufung - 1777 die Würde eines Grand-Aumônier de France und am 1. Juli 1778 den Kardinalshut, gepaart mit den Einkünften der Abtei Sankt Waast zu Arras und dem bald darauf verliehenen Titel eines Provisors der Sorbonne. Und als der Straßburger Bischof am 11. März 1779 stirbt, wunderte man sich nicht, den jungen Kardinal als dessen Nachfolger zu sehen.

Schicksals im Schatten der Revolution

Wappen

Doch von nun an ging es bergab. Der Brand des Zaberner Schlosses 1779 war nur ein Anfang, die berühmte Halsbandaffäre des Jahres 1785, in die Rohan als einer der Hauptbeteiligten verwickelt war und die den Verlust des größten Teils seiner Titel zur Folge hatte, ein folgenschweres Kapitel.
Die darauffolgende Französische Revolution veranlasste den Kardinal sein Hab und Gut zusammenzupacken und am 13. Juli 1790 den Rhein zu überqueren. Im rechtsrheinischen Teil seiner Besitzungen – im Oberamt Ettenheim war der Fürstbischof von Straßburg auch weltlicher Herr – ließ er sich nieder. Das Ettenheimer Amtshaus wurde extra zum provisorischen bischöflichen Palais umgebaut.

Doch Ettenheim war Residenz auf Zeit, und die französischen Emigranten, die sich um den Kardinal scharten, rechneten mit einer sehr kurzen Zeit. In wenigen Monaten wollte man wieder in Frankreich sein.
Davon aber konnte keine Rede sein. Immer mehr Emigranten ließen sich im Oberamt Ettenheim nieder. In der Folge der Zivilkonstitution des Klerus verließen viele eidverweigernde Priester das Elsass. Allein am 29. Juli 1791 kamen 17 Geistliche in der Nacht nach Ettenheim, und Anfang September befanden sich bereits 50 Priester in der Stadt.

Im Spätsommer kommen binnen zweier Wochen 155 Geistliche über die Grenze, die auf die verschiedenen Ortschaften verteilt werden. So sind im Oktober 1791 117 Priester in Ettenheim und täglich werden an den Altären der Stadt zwischen 30 und 40 Messen gelesen.

Konterrevolution

Rohan versuchte mit allen Mitteln, diejenigen zu unterstützen, die die alten Zustände in Frankreich wiederherstellen wollten. Bereits im März 1791 wurden die Wirte des Oberamtes und das Kloster Ettenheimmünster in Sachen Truppenunterbringung konsultiert. Und schon am 11. März weiß man in Grafenhausen, dass die Ankunft von Soldaten zur Gründung einer contrarevolutionären Armee kurz bevorsteht. Am 26. März spricht Blittersdorf bereits von 500 stationierten Männern, und am 2. Juli sollen über 1800 Soldaten im Oberamt liegen.

Die Bewohner des Oberamtes brauchten mehr als Geduld, um die Einquartierung vor allem der Offiziere zu ertragen, und so manches eher unangenehme Geschehnis dieser Tage prägte sich ein. Nicht genug, dass die Wildereien überhand nahmen. Duelle prägten den Alltag und die Zivilbevölkerung war ihres Lebens nicht sicher. Es fing mit Diebstählen in den zahlreichen Bauernhöfen und Wirtshäusern an und endete mit Freveltaten und Vergewaltigungen, von denen bereits 12- und 13-jährige Mädchen betroffen waren.

Revolutionskriege

Im März 1792 verlassen auf Druck der Anliegerstaaten die von Rohan unterhaltenen Truppen Ettenheim. Am 20. April 1792 wird dann von Frankreich der Krieg erklärt, und ungeheure Truppenbewegungen finden am Oberrhein statt, wie Joann Conrad Machleid und Karl Ludwig Schilling von Canstatt in ihren Tagebüchern berichten. Doch die ersten Kriegsjahre verlaufen ruhig. Als aber am 20. Juni 1796 französische Truppen den Rhein überqueren, ergreift Rohan die Flucht. In den nächsten Jahren muss der Kardinal immer wieder die Stadt verlassen. Er weilt in Baden in der Schweiz, 1799 in Regensburg, 1801 in St. Pölten.
Erst nach dem Frieden von Lunéville am 9. Februar 1801, kann der 67-jährige in seine Residenzstadt zurückkehren.

Das letzte Jahr

Aber die Zeiten waren andere geworden. Die Bistümer in Frankreich wurden neu eingeteilt und Louis de Rohan muss den linksrheinischen Teil seines Bistums abtreten. Am 29. April 1802 wurde Johannes Petrus Saurine als neuer Bischof von Straßburg bestätigt.

Rohan behielt als Bischof lediglich die Ortenau, und als Fürst blieben ihm nur noch die beiden Oberämter Oberkirch und Ettenheim. Als am 27. November 1802, im Vorgriff auf die Bestimmungen des Reichsdeputationshauptschlusses, der badische Markgraf die rechtsrheinischen Besitzungen des Straßburger Hochstiftes besetzen ließ, wurden dem einstmals so glanzvollen Barockfürsten die letzten Reste seiner weltlichen Herrschaft genommen. Nur schwachen Protest brachte der Kardinal diesen Maßnamen entgegen. Während der Besetzung Ettenheims befand er sich auf der Jagd. Stark gealtert und kränklich zog er sich in seine Privatsphäre zurück.

Kurz nach den Ereignissen im Herbst 1802 erkrankte Rohan an einer Influenzaepidemie. Am 14. Februar 1803 erging noch einmal ein Aufruf, für den äußerst schwer erkrankten Bischof zu beten, doch schon zwei Tage später, am 16. Februar 1803 starb er – hochverschuldet. Im Chor der Ettenheimer Stadtpfarrkirche hat man ihn beigesetzt.

Wenig ist in der Stadt Ettenheim aus Rohans Nachlass verblieben. Am bedeutendsten davon sind seine Büste im Bürgersaal und der Gobelin, der früher an hohen Festtagen die Rückwand des Baldachins in der Kirche schmückte. Doch die Beziehung zwischen Rohan und Ettenheim ist auch heute noch zu spüren. Sie besteht weiter im Geschichtsbewusstsein der Stadt und den lebendigen Spuren, die Louis René Edouard, Prince de Rohan-Guémené, in seiner kleinen Residenzstadt hinterließ.

Mehr zum Thema finden Sie in:
"Jörg Sieger, Kardinal im Schatten der Revolution, Kehl 1984" oder unter www.joerg-sieger.de/rohan.htm.