Otto-Stoelcker-Straße

Otto Stoelcker (1884 - 1947)
ttenheimer Fabrikant; Gründer der Ettenheimer Holzindustrie (im Volksmund „Holzi“ genannt; später mit dem Attribut „Bombenstabil“ versehen.) Umstritten wegen seiner Rolle bei der Reichspogromnacht am 9.11.38

Als die Straße noch Münchweierer Straße hieß. Direkt am Ettenbach sind die Eisenbahnschienen der Kleinbahn zu erkennen, im Hintergrund die Stoelcker Stuhlfabrik.
Bildarchiv Uttenweiler ohne Jahresangabe (ist wohl in den 1920er Jahren fotografiert)

Als Otto Stoelcker 1947 verstarb, war in der Badischen Zeitung vom 24. Juni zu lesen:

Fabrikant Otto Stoelcker ist nach einem erfolgreichen Leben gestorben. Aus kleinen Anfängen heraus entwickelte er verschiedene Betriebs- und Fabrikationsformen, die sein erstaunlich vielseitiges Talent und seine Begabung als Mann der Wirtschaft an den Tag brachten. Aus der elterlichen Gärtnerei entwickelte er im Laufe der Zeit einen Garten- und Baumschulenbetrieb, dem er schließlich ein Holzverarbeitungsunternehmen anschloß, das sich aus kleinen Anfängen heraus bis zur größten Stuhlfabrik des Landes Baden entwickelte. In Frankenberg an der Eder gründete er ein Zweigunternehmen, das unter seiner Leitung rasch einen bedeutenden Aufstieg nahm. Am Grab kam die die hohe Achtung, die Fabrikant Stoelcker bei der Bevölkerung, seinen Arbeitern und Angestellten und bei den amtlichen Stellen genoß, in dankbaren Worten … zum Ausdruck. (…..)

„Alteingesessene“ Ettenheimer sind im Bewusstsein aufgewachsen, dass die Holzi“  d e r  Arbeitgeber schlechthin in Ettenheim war, beinahe eine Monopolstellung einnahm mit allen positiven und negativen Begleiterscheinungen. Über 500 Arbeitnehmer der „Holzi“ (Frankenberg hier allerdings mitgerechnet) schon in den 1930Jahren sprechen für sich. Die im BZ-Nachruf betonte Wertschätzung für den Firmenchef kam nicht zuletzt in der Umbenennung der vormaligen Münchweierer Straße (sie hieß im Dritten Reich auch einmal Hindenburgstraße) in Otto-Stoelcker-Straße zum Ausdruck.

Lange tabuisiert

Es ist für uns heute schwierig, ein Urteil zu fällen: weder über den Namensgeber der Straße, noch über den damaligen BZ-Berichterstatter, die für die Straßennamensgebung Verantwortlichen - oder die „breite Öffentlichkeit“. Entnazifizierungs-Verfahren sowohl in Frankenberg (amerikanische Zone) wie auch in Freiburg (französische Zone) aber bringen ebenso wie umfassende Recherchen Ettenheimer Historiker auf Grund von Zeugenaussagen ans Licht, dass Otto Stoelcker vor allem auch bei den Ausschreitungen der sog. Reichskristallnacht gegen die Ettenheimer Juden eine zumindest umstrittene Rolle eingenommen hat. „Hört auf zu arbeiten, geht in die Stadt, die Juden werden rausgehauen“ wird da von Zeugen der damaligen Zeit ebenso zitiert wie Stoelckers Ermutigung „Schlagt nur feste drauf“. Dem wiederum gegenüber steht aber auch die Aussage eines Zeugen, den Stoelcker in die Stadt geschickt habe, um die Arbeiter zurückzuholen, nachdem ihm erzählt wurde, seine Leute wüteten in der Stadt.

In all den Prozessen hat sich Otto Stoelcker zu den Aussagen und Vorwürfen nicht geäußert. Der Antrag der Frankenberger Spruchkammer im Jahr 1947, Otto Stoelcker in die Gruppe II der Belasteten einzureihen, verlief im Sand. Die Freiburger Spruchkammer, für Stoelcker wegen seines Wohnortwechsels nach Ettenheim zuständig, stufte ihn posthum mit Urteil vom 29. Juni 1948 als „Mitläufer“ (Stufe IV) ein. Die damit verbundene Geldstrafe von 25.000 Mark hatten seine Nachfahren aus dem Nachlass des ein Jahr zuvor Verstorbenen zu bezahlen.

In allerjüngsten Überlegungen, ob Otto Stoelckers umstrittene Rolle im Dritten Reich zu einer Umbenennung der Straßenbezeichnungen führen sollte, spielte für ein Nein zu dieser Frage nicht zuletzt das Bewusstsein eine Rolle, dass eine solche Namensgebung wortwörtlich auch als ein „Denk mal“ für unsere Zeit dienen kann.

 

Quellen:

Ernst Schlosser: Aus kleinsten Anfängen heraus - Holzindustrie Stoelcker GmbH - Tisch- und Stuhlfabrik, Ettenheim in: Geroldsecker Land - Jahrbuch einer Landschaft -(Heft 21 - 1979), Seite 118-125;

Badische Zeitung, 24.6.1947, S.5

Robert Furtwängler: Der Novemberpogrom in Ettenheim in: Historischer Verein für Mittelbaden (Hrsg): Schicksal und Geschichte der jüdischen Gemeinden Ettenheim-Altdorf-Kippenheim-Schmieheim-Rust-Orschweier, Ettenheim 1988, S.35 ff;

Klaus Schade: Auch eine Mahnung für die Gegenwart – Reichskristallnacht in Ettenheim: Norbert Klein hielt dazu einen couragierten Vortrag in: Ettenheimer Stadtanzeiger 15.11.18;

Markus Vögele: Neue Zweifel kommen auf – in: Badische Zeitung 15.1. 2020

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