Polnische Holocaust-Überlebende in Ettenheim zu Gast

9. August 2019

Auf Vermittlung von MdB Peter Weiß und dem Maximilian-Kolbe-Werks

Die Schilderungen aus ihrer frühen Kindheit „gehen ans Eingemachte.“ Acht Frauen aus Polen weilen derzeit auf Einladung des Maximilian-Kolbe-Werks Deutschland und als Gäste des Klosters St. Trudpert im Münstertal in Deutschland. Sie alle haben als Kinder den Holocaust erlebt, glücklich überlebt – und sind an diesem Mittwochmorgen zu Gast in Ettenheim, das sich seit langem der Aufarbeitung der eigenen jüdischen Geschichte stellt.

Es wird ausdrücklich zwar nicht ausgesprochen, aber die Zuhörer ihrer bewegenden Lebensgeschichten werden sofort an das chassidische Sprichwort erinnert: „Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“ Sie verdrängen nicht, sie stellen sich den kindlichen Erfahrungen. In diesem Sich-Stellen, in der Bereitschaft zur Aufarbeitung stoßen sie in Ettenheim auf Gleichgesinnung. Ettenheim stellt sich, wie Bürgermeister Bruno Metz als Gastgeber im Bürgersaal ebenso wie Margret Oelhoff vom Deutsch-Israelischen Arbeitskreis der Gästegruppe verdeutlicht, den Ereignissen um die Reichspogromnacht, dem Umgang mit den jüdischen Mitbürgern. Mehrere Bücher sind davon inzwischen veröffentlicht, schon 1988 gab es eine Einladung an die ehemaligen jüdischen Mitbürger. Jüdische Mitbürger weilten mehrfach schon zu Vorträgen an den Ettenheimer Schulen, die größte städtische Schule ist nach August Ruf benannt, dessen Namen untrennbar mit dem Einsatz für eine jüdische Familie verbunden ist. Stolpersteine vor ehemaligen jüdischen Wohnhäusern erinnern an deren Tod in KZs, der aus der geschändeten Synagoge gerettete Thora-Vorhang  wurde restauriert und hat im Palais Rohan einen würdigen Platz gefunden. In Altdorf kümmert sich ein Förderverein um die Restaurierung der dortigen Synagoge, vor dem ehemaligen Haus Forsch erinnert ein von Schülern gestalteter Gedenkstein an diesen belasteten Teil der Ettenheimer Geschichte.

MdB Peter Weiß, der als Vorsitzender des deutschen Maximilian Kolbe-Werks und als Stiftungsvorsitzender des von Bischöfen ins Leben gerufenen  deutsch-polnischen Versöhnungswerkes den Besuch in Ettenheim initiiert hatte, weiß derlei Aufarbeitung zu würdigen – gleichermaßen bei den deutschen Gastgebern wie bei den polnischen Gästen.

Deren Lebensschicksale sind erschütternd. Jeder der acht inzwischen betagten Damen hat da ihre eigene Geschichte zu erzählen. Elf Jahre waren die ältesten von ihnen damals, als sie nach Auschwitz, Maidanek oder eines der andern Konzentrationslager deportiert wurden, teils mit Elternteilen, teils allein. Wer von ihnen „Glück“ hatte, wurde bei einer andern Familie untergebracht, versteckt. Zum Teil haben Mütter oder Geschwister mit ihnen diese Hölle überlebt, zum Teil konnten sie deren Wege nicht weiter verfolgen. Schier unfassbar die Schilderung einer der Damen, dass ihre Mutter bei der Deportation mit ihr schwanger war, sie, die inzwischen Mittsiebzigerin, im Bauch ihrer Mutter komplett im KZ herangewachsen ist, um dann 1945 in Freiheit geboren zu werden. Eine andere Teilnehmerin erzählt, wie sie sich nach dem Überleben des KZ auf die Suche nach ihren Verwandten gemacht hat und diese erst im vergangenen Jahr in Israel gefunden hat. Wer mag den Damen verdenken, dass die eine oder andere nach ihrer Schilderung ihrer traumatischen Kindheitserlebnisse mehr oder minder verstohlen eine Träne abwischte.

Maria, die polnische Leiterin dieser Delegation, zog eine eindrucksvolle Bilanz. „Wir sollten uns alle freuen, dass wir noch leben dürfen.“  Reisen wie diese mit dem Maximilian-Kolbe-Werk – in das Land, aus dem ihre Peiniger kamen – sind für sie deshalb eine würdige Form der Aufarbeitung.

Text:  Klaus Schade
Bild: Sandra Decoux-Kone