Warnung vor "Gesundheitskollaps"

11. Juni 2018

In einer Pressekonferenz am Freitag haben niedergelassene Ärzte vor einer Schließung des Ettenheimer Krankenhauses gewarnt

Einem Aspekt, dem nach Meinung vieler in der südlichen Ortenau und im nördlichen Breisgau bei der aktuellen Strukturdebatte um die künftige Kliniklandschaft in der Ortenau zu wenig Bedeutung beigemessen wird, hat die Klinikinitiative "Leben" besonderen Raum eingeräumt: der medizinischen Fachargumentation durch niedergelassene Ärzte.

Um die Sicht von Boris Weber, Frank Berg (beide Ettenheim) und Monika Knab (Herbolzheim) auf den Punkt zu bringen: Kleinen Häusern wie dem Ettenheimer Krankenhaus die Daseinsberechtigung abzusprechen, sei falsch. "Nicht alles wird in großen Häusern automatisch besser gemacht", so die Beobachtung von Boris Weber. Thomas Breyer-Mayländer, Sprecher der Initiative, nannte die These, große Häuser würden grundsätzlich ökonomischer geführt als kleine, falsch.

Vorteilhafter für die Verzahnung von überweisenden Ärzten mit dem Krankenhaus sind, wie alle im Podium sitzenden niedergelassenen Ärzte betonten, kleine Häuser, die als solche nicht zwangsläufig technisch rückständig sein müssen. Techniken wie die Telemedizin können laut Boris Weber an kleinen Häusern genauso angewandt werden. Als Ausbildungsstätten für angehende Ärzte sieht der Mediziner in den kleinen Häusern mit ihrem Leistungsspektrum große Vorteile.

Sorgen müsse man sich bei der angedachten Schließung des Ettenheimer Krankenhauses, die im Strukturgutachten Agenda 2030 für das Ortenau-Klinikum gefordert wird, um das breite Angebot an Hausarztpraxen in der Stadt machen. Wenn Aspekte wie Heimatnähe – besonders für ältere Menschen – oder verkehrsgünstige Anbindung auch als "weiche Faktoren" einzustufen seien, seien sie gerade für den Gesundungsprozess zumindest von gleicher Wichtigkeit wie die ökonomischen Faktoren.

"Ettenheim ist für uns im nördlichen Breisgau ein Ersatz-Heimatkrankenhaus"

Monika Knab, Ärztin

Webers Überzeugung, dass beim Wegfall des Ettenheimer Klinikums zahlreiche Patienten künftig den Weg nach Freiburg antreten werden, konnte Monika Knab für den nördlichen Breisgau unterstreichen. Knab brachte den Vorteil der Erfahrung mit, all die Konsequenzen einer Klinikschließung – 2007 in Herbolzheim – zu kennen: nachteilige Veränderungen in der Infrastruktur, Suche nach freien Klinikbetten andernorts, Ausdünnung der Arztpraxen, waren die Stichworte, die sie nannte.

Unter diesen Aspekten sei sie immer froh gewesen, in Ettenheim ein Klinikum mit breitem Leistungsangebot in der Nähe zu wissen. "Ettenheim ist für uns im nördlichen Breisgau gleichsam ein Ersatz-Heimatkrankenhaus", betonte Monika Knab. Noch heute, elf Jahre nach dem Ende des Herbolzheimer Hauses, bevorzugten rund 60 Prozent ihrer Patienten das Ettenheimer Krankenhaus gegenüber den Kliniken in Emmendingen oder Freiburg.

Gerade für ältere Menschen stelle eine Schließung des Ettenheimer Krankenhauses ein Art Albtraum dar, gab Frank Berg Rückmeldungen von Patienten und Angehörigen wieder. Das Argument, es gebe zu viele Betten, sei "totaler Unsinn". Vielmehr hätten die Arztpraxen ständig mit dem Problem zu kämpfen, für ihre Patienten schnell ein Bett zu finden. In der Kette kein Klinikum und weniger Arztpraxen sieht Frank Berg die Gefahr des "Gesundheitskollaps".

Mit einer eigenen Petition wollen niedergelassene Ärzte, die sich auf die Rückendeckung von mehr als 20 000 Unterschriften von Bürgerinnen und Bürgern stützen, dem "insuffizienten Vorgehen der Gutachter und dem politisch abgekarteten Spiel der Politik" (Boris Weber) den Entscheidungsträgern im Ortenauer Kreistag die Sichtweise aus dem Alltag entgegensetzen. "Jeder Kreisrat darf gerne einmal einen Tag bei uns in der Praxis miterleben, um die Wirklichkeit kennenzulernen", so Weber, Berg und Knab unisono.

Text: Klaus Schade
Foto: Sandra Decoux-Kone