Volle Stadthalle bei der Informationsveranstaltung des Ortenaukreises zur Agenda 2030 in Ettenheim - Viele Emotionen: "Sie lügen mit Ihren Statistiken"

29. Juni 2018

Die Verantwortlichen bei Landkreis und Ortenauklinikum haben wohl mit dem Schlimmsten gerechnet: Wer bei der Informations-Veranstaltung zum Verbleib des Ettenheimer Klinikums in der Stadthalle dabei sein wollte, musste zuerst am Sicherheitspersonal vorbei, Taschen wurden durchsucht. Einer der Sicherheits-Mitarbeiter meinte: "Bei der Veranstaltung in Kehl hätte nur jemand Attacke rufen müssen und die Leute wären aufs Podium gestürmt."

Wie emotional die Diskussion um den Ettenheimer Klinik-Standort geführt wird, zeigte sich bereits bei der Eröffnungsrede von Landrat Frank Scherer: Buhrufe, höhnisches Gelächter und Pfiffe schlugen ihm am Rednerpult entgegen. "Da können Sie ruhig pfeifen, das ist so", konterte der oberste Kommunalbeamte des Landkreises in Bezug auf seine Aussage, für ihn stünden in erster Linie "die Menschen und deren Versorgung im Vordergrund“. Das sollte nicht der einzige Moment bleiben, an dem die Stimmung in der voll besetzten Stadthalle hochkocht.

Dies vermochte auch ein eigens engagierter Moderator während der Fragerunde nicht zu verhindern. Seine Appelle, ruhig zu bleiben sind im Saal verhallt.

Während etwa Klinikchef Christian Keller die Auslastung der Betten erläuterte, steht Boris Weber, Arzt in Ettenheim, von seinem Platz auf und feuert ohne Mikrofon eine Breitseite in Richtung Podium: "Sie lügen mit Ihren Statistiken", ruft der Mediziner wütend. Keller reagiert ungehalten: "Vorher haben Sie geredet und jetzt rede ich", sagt er vehement. Pfiffe tönen aus dem Publikum, einige erheben ihre Stimme: "Und wer begrenzt die Redezeit eigentlich für Sie?" Der Moderator verstummt, Scherer wirft einen flüchtigen Blick zu Keller. Die Diskussion geht weiter. "Schauen Sie sich doch um in Deutschland", wirft der Klinikchef ein. Krankenhaus-Standorte, "um die man sich nicht gekümmert hat, sind geschlossen oder privatisiert worden."

Derweil ist unter den Fragestellern auch Kritik laut geworden, dass eine halbe Stunde für den Transport ins Klinikum Lahr viel zu knapp sei. "Die 30 Minuten sind ein Durchschnittswert. Auf irgendeiner wissenschaftlichen Basis muss man rechnen", sagt Keller – erneut schallen Pfiffe und Gelächter. Und weiter geht es mit der nächsten Frage.

Die Informations-Veranstaltungen über den Verbleib der Klinik-Standorte im Landkreis fanden bereits in den vergangenen Wochen in betroffenen Gemeinden statt. Diesen Donnerstag kamen die Verantwortlichen nun nach Ettenheim in die Stadthalle. Auf dem Podium beantworteten neben Landrat Frank Scherer unter anderem Christan Keller, Geschäftsführer des Ortenauklinikums, und Chefarzt Lothar Tietze die zahlreichen Fragen des Publikums.

Text: Alexander Kauffmann, Lahrer Zeitung
Foto: Sandra Decoux-Kone